„Ich wollte, dass diese Stadt aufhört. Ich beugte mich hinunter zu ihr, zu meiner Stadt. Ich legte den Finger auf die Lippen und sagte: Sch!“

 

Die Ungehaltenen – ab dem 10 März 2014 erhältlich als Hardcover, eBook und Hörbuch.

 

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Über das Buch

Elyas lebt in Kreuzberg, verbringt die Nachmittage bei Veit in der Kneipe und erzählt seiner Mutter irgendwas von Jurastudium. Ihre Anrufe drückt er weg, denn wie es seinem Vater geht, kann er sich selbst denken. Es reicht ihm schon der Blick von Onkel Cemal. Der ist der Einzige, von dem er sich traurige Wahrheiten sagen lässt. Denn Cemal hat sich Mutterwitz bewahrt, obwohl er gleich zweimal seine Heimat verloren hat: die Türkei und nun, nach dem Mauerfall, auch seinen Kiez. Aber dann trifft Elyas die junge Ärztin Aylin – ausgerechnet auf der offiziellen Feier zum Anwerbeabkommen. Aylin ist stark und klug, aber auch sie trägt eine Traurigkeit in sich, die die beiden nur gemeinsam loswerden können.

 

Auszug

Meine Stadt bestand aus zwei Straßen. Die eine führte ins Hühnerhaus, die andere zu Onkel Cemal.

Ich schob die schwere Eingangstür auf und ließ die Hand über das zerkratzte Holzgeländer gleiten. Im Treppenhaus roch es nach Keller und Essen. Onkel Cemals Wohnungstür mit dem absplitternden Lack und dem geschwärzten Guckloch öffnete sich. Der lange, schmale Flur mit hoher Decke und rotbraun überstrichenen Dielen führte ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa lag ein eingedrücktes Kissen. Ein Überwurf war aufgeschlagen. Cemo stellte zwei Teegläser auf den Tisch und knüllte sich das Kissen ins Kreuz.

»Elyas, Junge, lass dich nicht hängen.«

Onkel Cemals Haar, der Rest, der über den Ohren anfing und bis zum Hinterkopf reichte, war zerzaust. Graue und weiße Stoppeln stachen aus seinem Gesicht, die faltigen Augenlider hingen.

In letzter Zeit erzählte Cemo mir häufig – ohne dass ich ihn gefragt hätte –, wie es hier in den Siebzigern war.

»Da, wo du jetzt sitzt, saß dein Vater. Er war nicht viel älter als du heute«, sagte er, »gerade aus Köln hierher gezogen, deine Mutter wohnte noch dort. Damals war hier vieles anders. Zwei Straßen weiter stand die Mauer. Sie war nicht schön, aber es war ruhiger mit ihr. Wir haben sie niedergerissen. Kaum war sie weg, wollte man, dass auch wir weggingen. Das ganze Land feierte die Einheit, aber niemand fragte uns. Dabei waren wir am meisten betroffen. Wir hatten unsere Jahre an dieser Mauer verbracht. Dein Vater ist ein guter Mann. Sein Herz ist rein.«

Ich nahm das heiße Glas in die Hand und atmete den scharfen Geruch schwarzen Tees ein.

Onkel Cemal stellte sich vor mir auf und richtete seinen Finger auf mich. »Junge, du bist jung. Wie alt? Dreiundzwanzig? Vierundzwanzig? Was ihr durchmacht, du und deine Mutter, ist nicht einfach.«

Ich hörte den Teekessel in der Küche scheppern. Onkel Cemal legte die Hand auf meinen Kopf, und ich bemerkte, dass ich mir die Augen rieb.

»Wenn du so weitermachst, hängen dir die Lider bis zu den Knien, bevor du dreißig bist.«