Vielleicht sind es wirklich nur sieben Sekunden.

Wir erblicken das Licht der Welt. Wir sind nackt.

Nicht schwarz, nicht weiß, nicht Arbeiter, nicht Professor, nicht klug, nicht dumm.

Kein Mig ratio ns hintergrund. Wir sind. Sieben Sekunden lang sind wir. Sieben Sekunden stilles Sein, sieben Sekunden frei.

Und dann.

Ein Arzt hält uns in den Händen, eine Hebamme, ein Pfleger, eine Mutter. Man sieht uns an.

Man spricht uns zu. Man reicht uns weiter.

Der erste Blick schon, der uns trifft, die erste Berührung, erzählt eine Geschichte. Und der Fall beginnt.

Es gab eine Zeit, eine kleine Zeit davor. Vor dem Fall. Wie fühlte sie sich an? Wie lange währte sie?

Zwei Sekunden? Sieben? Einen Tag?

Wie lange dauerte es, bis etwas normal wurde, bis etwas anders wurde?

Man schult uns.

Man schult uns um.

 

Alles bekommt einen Namen, alles eine Zeit. Das dreißigste Jahr. Das vierzigste Jahr.

Zäsuren in einem Leben.

Die Serviette auf den Schoß legen beim Essen.

Unangenehmes Schweigen vermeiden.

Arbeiten. Des Tags und des Nachts. Bücher lesen. Formeln lernen. Telefonieren. Mailen.

Nicht. Ablenken. Lassen. Alles. Nur. Das. Nicht.

Immer grad aus, immer klar, immer mit dicker Haut.

Wie dick ist sie nach sieben Sekunden?

Nach sieben Jahren, nach siebzehn, siebenundzwanzig?

Sortieren. Was braucht es, was braucht es nicht? Was hemmt, was beschleunigt? Was dient als Sprungbrett, was ist Last?

Nicht hinschauen, wo es weh tut. Das. Könnte. Ablenken. Und. Das. Wollen. Wir. Nicht.

Nicht spüren. Nicht horchen: Wie klingt der Atem des Kindes vor der siebten Sekunde?

 

 

Aus dem Zyklus „Spandau 2048: Minimals aus dem Magen des Molochs“. (Manifest der Vielen)